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Die
kleine Rote kommt
von Christina Römer
Hans Peter Schlegel macht die Bahn frei für die Albulalinie in Graubünden
Die
Bahngleise dampfen. Der schmilzende Schnee steigt als weisse Wolke in
die Luft und deckt die darunter verborgenen Schienen auf. Etwas
zufriedener als noch einige Minuten zuvor blickt Hans Peter Schlegel
auf die freigeschaufelten Gleise. Hier hätte heute ein Zug feststecken
können - wenn er nicht entdeckt hätte, dass die ansonsten beheizten
Weichen kalt geblieben und fest gefroren waren. Ohne ihren
Streckenwärter wäre die Rhätische Bahn des schweizerischen Kantons
Graubünden vielleicht nicht ganz so stolz auf ihre Albulabahnlinie. So
stolz ist sie, dass sie die mehr als 100 Jahre alte Bahnverbindung von
Thusis nach St. Moritz auf die Liste der UNESCO Welterbestätten setzten
will.
Die
Bewerbung läuft bereits, der Bundesrat hat die Kandidatur genehmigt und
zurzeit wird an dem Dossier gearbeitet, das die UNESCO von der
Einzigartigkeit der Bahnstrecke und der kulturellen Bedeutung ihrer
Umgebung überzeugen soll.
Streckenwärter
Hans Peter Schlegel kümmert diese Bewerbung allerdings wenig. Der
57-Jährige ist sowieso überzeugt davon, dass seine Bahnstrecke zu den
schönsten Orten der Welt gehört. Einmal in der Woche läuft er die
Gleise zwischen Preda und Bergün ab. Immer auf der Suche nach
Schienenbrüchen, oder anderen Gefahren für Zug und Passagiere. Das
macht er seit 30 Jahren.
«Die
kleine Rote» wird die Rhätische Bahn genannt und Hans Peter leuchtet
ebenso farbenfroh wie die Züge aus der weissen Schneelandschaft hervor.
Mit einer warmen roten Fleecemütze auf dem Kopf, einer
orangerot-leuchtenden Jacke am Körper und einem ebenso
knallig-orangefarbenen Rucksack mit Wegzehrung, Werk- und Verbandszeug
auf dem Rücken, steigt er um kurz nach 6 Uhr in Filisur in den Zug.
Eine Haltestelle weiter, ab Bergün, ist sein Blick konzentriert aus dem
Fenster gerichtet. Er mustert die Strecke nach Preda: Neuschnee ist
gefallen - ein paar Zentimeter. Einen ganzen Arbeitstag wird er
brauchen, um den 12'579 Meter langen Weg von Preda zurück nach Bergün
zu laufen. Diese Strecke ist vielleicht der schönste und interessanteste
Teil der Albulabahnlinie: Über neun Viadukte und durch sieben Tunnel
müssen die Züge fahren. Denselben Weg nimmt auch der Streckenwärter
jeden Montag.
Er
ist der einzige Fahrgast, der um diese Zeit aus dem Zug in Preda
aussteigt. Am spärlich beleuchteten Bahnsteig zieht er seine
GoreTex-Gamaschen an, damit keine Feuchtigkeit in seine Schuhe dringt.
Mühsam stapft er durch zum Teil knietiefen Schnee auf die Gleise zu.
Es
dämmert bereits, und um ihn herum erscheinen die Bergspitzen der
Rhätischen Alpen aus dem Dunkel. Von Schwelle zu Schwelle beginnt seine
Wanderung. Sein Körper schwankt leicht, und sein Fuss macht immer
wieder einen Schritt zur Seite. Eine alte Narbe behindert seinen Gang:
Von seinem Knie bis zum Bauch zieht sie sich - die Folge eines Unfalls,
den Hans Peter in den 70er Jahren als Stationswärter in Filisur hatte.
Seitdem
der 57-Jährige als Streckenwärter arbeitet, hat er die Züge aber fest
im Griff. Die Wanderung an den Gleisen entlang ist nicht ungefährlich,
doch Hans Peter weiss, was wichtig ist: der Fahrplan. «Den hab ich im
Kopf», sagt er stolz. Und eine stark zerknüllte Version trägt er in
seiner Jackentasche. Ausserdem hält er ständig Funkkontakt mit der
Zugleitstelle.
«
Der Schlegel», meldet sich der 57-Jährige bei der Leitstelle, als der
Zug vorbei gerauscht ist. Der Zuondra-Tunnel liegt vor ihm, und Hans
Peter muss die Strecke sperren lassen. Einmal im Inneren des Berges,
gibt es keine Möglichkeit, einem Zug auszuweichen. Die Tunnel bilden
das Herzstück der Albulalinie. Spiralförmig ziehen sie sich durch die
Berge - schrauben die Bahn allmählich in die Höhe, um die 416 Meter
Höhenunterschied zwischen Bergün und Preda zu überwinden. Mehr als 20
Prozent des Wegs führen durch die Felsen.
Im
535 Meter langen Tunnel beleuchtet Hans Peters Taschenlampe die Wände.
An einer Stelle bleibt der Lichtkegel stehen: Ein Eiszapfen mit fast
einem halben Meter Umfang hat sich an der Tunnelwand gebildet. In einer
Nische, ganz in der Nähe, wartet eine Spitzhacke auf den
Streckenwärter. In alle Richtungen fliegen die Eissplitter, als
Hans
Peter auf das Gebilde einschlägt, das für den Zug gefährlich werden
kann. «Bei zunehmenden Mond wächst das Eis» - nach dieser Regel
entscheidet Hans Peter welcher Eisblock noch eine Woche warten kann.
Zurück
im Tageslicht erstrahlt die Schönheit der Albulabahn. Mitten durch die
wilde Landschaft windet sich ein roter Zug, bewältigt eine Distanz, die
1898 - beim Bau der Bahn - undurchdringbar erscheinen musste. Zu
unberechenbar die Naturgewalten, zu gefährlich die Lawinenhänge
unterhalb des Piz Muot, zu uneinsehbar die dicht bewaldete
Berglandschaft. Trotzdem: Keine fünf Jahre später war die gesamte
Strecke der 63 Kilometer langen Albulabahnlinie vollendet.
Vor
allem Hans Peters Streckenabschnitt offenbart das Kunstwerk: Die
unwirtliche Landschaft verlangt eine ebenso abenteuerliche
Streckenführung. insgesamt vier Mal wechselt die «kleine Rote»
innerhalb kurzer Zeit die Talseite. Weicht drei Lawinenzügen und
möglichem Steinschlag aus. Das Viadukt «Albula 111» führt sie in einem
eleganten Halbkreis über das Tal. An diesem Teil der Strecke ist die
Bahnlinie stets in mehreren Ebenen aus dem Wagenfester zu sehen. Und
während die Schleifen, mit denen die Züge an Höhe gewinnen, bei Preda
eng und steil sind, so sind sie in Richtung Bergün weit und auslaufend.
An
der Kreuzungsstation Muot ändert sich die Landschaft. Hier macht Hans
Peter Mittagspause: In einem kargen Raum mit einer funktionierenden
Heizung. Er holt Schinken und Brot, ein schweizer Taschenmesser und
eine Thermoskanne aus seinem Rucksack. Früher war diese Station noch
mit einem Bahnwärter besetzt, früher lief Hans Peter die Strecke
mehrmals in der Woche ab. Heute arbeitet er die meiste Zeit als
Sicherheitswärter im Gleisbau - die Schienen sind stabiler als früher.
Am
29. Juli 1993, einem warmen, sonnigen Tag, waren sie das allerdings
nicht. Gut, dass Hans Peter bei der Tischbrücke kurz vor Muot genau
hingeschaut hat: ein Bruch am inneren Bereich der Schwellen, obwohl
diese gerade erneuert wurden, Einer von rund 20 Brüchen in den
vergangenen 30 Jahren, die er entdeckt hat.
Auf
diesen Gleisen fährt die Rhätische Bahn heute sicher. Deshalb rechnen
sich die Mitarbeiter der Bahn gute Chancen auf das «Label»
UNESCO-Welterbe aus. Die Bahn sei einfach etwas besonderes, sagt Peider
Härtli, Sprecher der Bahn: «Heute würde wohl einfach ein langer Tunnel
gebaut und nicht so rnühsam den Berg hochgekraxelt.» 2008 könnte es
soweit sein. Dann wird Hans Peter Schlegel 60 Jahre alt. 44 Jahre wird
er dann für die Rhätische Bahn gearbeitet haben sogar ein Jahr länger
als sein Vater. «Ob UNESCO oder nicht, die Arbeit ist dieselbe», findet
er. Und die «hätt ihm schon immer 'passt».
Naja
- fast immer. Als der Streckenwärter die kalt gebliebenen Weichen
entdeckt, fängt er laut an zu schimpfen: « Ich weiss nicht was die
studieren». Doch er hebt und senkt die Schneeschaufel, bis die
Stahlteile frei liegen. Er muss weiter gehen, um 15.49 Uhr kommt sein
Zug.
(erschienen in den "Ruhr Nachrichten" 25.2.2006)
Station
gemacht
von Sabine Fischer
Walter Clavadetscher bewahrt Haltepunkt der Rhätischen Bahn in Graubünden.
Als
Claudia Rischatsch an einem Apriltag 2005 die Tür des Bahnhofs Filisur
im Kanton Graubünden hinter sich schliesst, ist es das letzte Mal.
Zumindest in ihrer Eigenschaft als Stations-Leiterin. Die damals
32-Jährige hat eine Zukunft - als Leiterin der Station Klosters. Die
des spitzgiebeligen Gebäudes in ihrem Rücken ist ungewiss. Rischatschs
Augen folgen dem vertrauten Fuss-Pfad, hinab ins verschneite AlbulaTal.
Im Talgrund liegt das 500-Seelen-Dorf Filisur. Ein Örtchen, in das die
Sonne an einem Wintertag nur kurz lugt, um sich gleich wieder hinter
Gebirgsmassiven zu verstecken.
Dort unten sind die
Menschen
beunruhigt und empört - einer ihrer wichtigsten Wirtschaftszweige, das
Tourismus-Geschäft, scheint ihnen ernsthaft bedroht. Sie wähnen sich
bereits abgeschnitten von für sie lebenswichtigen und Arbeitsplätze
sichernden Zufahrtswegen. Nicht genug, dass die neue Umgehungsstrasse
ab Juni 2005 den Fremdenverkehr um Filisur herum leitet - nun hat sich
auch noch die Rhätische Bahn (RhB) aus der kleinen Bahnhofsstation
zurückgezogen. Die Überwachung der Teil-Strecke Sils-Preda, die unter
anderem auch der weltberühmte Glacier-Express täglich entlang tuckert,
wird ins «Rail Control Center» Landquart verlagert.
Claudia
Rischatsch weiss, dass die beschlossene Zentralisierung unumgänglich
ist. Und sie ist fest davon überzeugt, dass sich für die Station ein
privater Halter finden lässt. Nicht umsonst hat ihr Arbeitgeber, die
RhB, in den Rückbau und die Sanierung des einsam gelegenen Bahnhofs in
den vergangenen zwei Jahren rund 24 Millionen Schweizer Franken (etwa
16 Millionen Euro) investiert. Bis zu diesem Apriltag hat Rischatsch
ständig wechselnde Provisorien eingerichtet und die Bauarbeiten so
koordiniert, dass trotz Dreck und Werkzeugdröhnen der normale
Stations-Betrieb weiterlaufen konnte: Disposition des Zugverkehrs,
Rangierdienst, Verkauf, Buchhaltung, Gepäck, Güterverkehr und der
Verkauf von Eisenbahner-Fan-Artikeln. Schon im Winter 1989/1990, damals
noch als Betriebsdisponentenlehrtochter, erlebte die junge Frau Filisur
als das Mekka der Eisenbahn-Fans: Wie später in keiner anderen ihrer
Dienststellen wurde sie von Reisenden mit allen möglichen Fragen über
die traditionsreiche RhB und den «Rail Rider» bestürmt, jenen
Cabrio-Zug, der in den Sommermonaten Wagemutige über eine wahre
Achterbahn von Filisur nach Preda chauffiert. Indem Rischatsch die Tür
hinter sich schliesst, wird daraus Vergangenheit.
In
der Küche seines Hotels Schöntal - vom Bahnhof talabwärts nur fünf
Gehminuten entfernt - brummeit Walter Clavadetscher vor sich hin. Seine
grossen Hände walken den Gipfeli-Teig (Schweizer Croissants).
Rischatschs Optimismus teilt er nicht: Wenn attraktive
Anreise-Möglichkeiten fehlen, werden viele Urlauber künftig bequemer
erreichbaren Nachbartälern den Vorzug geben, fürchtet er. Kraftvoll
boxt und knufft Clavadetscher die Gipfeli-Rohmasse. 2004 ist er noch
sehr zufrieden mit sich und der Zahl der Zimmerbuchungen gewesen.
Der
bärtige 55-Jährige hat in seinem Leben bereits einige berufliche
Herausforderungen gemeistert: Nach Abschluss seiner Ausbildung an der
Landwirtschaftsschule eröffnete er 1974 in Filisur einen Betrieb für
Stall, Hof- und Industrietechnik. 2001 gründete er zusätzlich die
albula-sana-Kurhaus AG, deren Mitarbeiter Neurodermitis-Patienten auf
Naturheilbasis behandelten. Als 2002 das Schöntal, eines der drei
Hotels am Platze, zum Verkauf stand, hat er zugegriffen. Das Geschäft
lief auf Anhieb so gut, dass Clavadetscher die Industriemechanik
aufgab, um sich ganz seinen Gästen widmen zu können. Hier, in der
Schöntal-Küche, glaubte er, endlich seinen Platz gefunden zu haben. Die
Zeichen standen günstig: Die Bewerbung der Albula- und Bernina-Linie
als UNESCO-Weltkulturerbe nährte die Hoffnung auf weiteren
Publikums-Zuwachs.
Watsch-watsch,
rechts und links ohrfeigt Clavadetscher den Teigklumpen. Plötzlich soll
nun die einzige Möglichkeit, den Tourismus in Filisur vor Einbrüchen zu
bewahren, darin liegen, Stationshalter zu werden? - Das ist keine
Heidenrolle nach seinem Geschmack. Mehl staubt auf. Das Geheimnis der
Gipfelis liegt in dem ausgewogenen Verhältnis, das Mehl, Wasser, Eier
und Milch mit Butter und Salz unter Clavadetschers Pranken eingehen.
Aber was ist das Geheimnis der erfolgreichen Nachnutzung des Bahnhofs
Filisur? Der Hotel- und Küchenchef knurrt und knetet.
Nur
wenige
kommen als Nachnutzer der Station Filisur in Frage, weiss Rischatsch.
Im Visier der RhB: die drei ortsansässigen Hoteliers. Sie verfügen über
entsprechende personelle Ressourcen und gastronomische Erfahrungen.
Doch die Verhandlungen ziehen sich in die Länge, die Geschäftsleute
scheuen das Risiko. In Klosters Dorf und Grüsch, wo man ein Restaurant
inklusive RhB-Verkauf einrichtet, geht es zügiger voran.
Ebenso
im Falle des Bahnhofs Bever, wo man sich auf ein Tourismusbüro
inklusive RhB-Verkauf einigte. Wer auch immer den Zuschlag für Filisur
erhält - er mietet jedenfalls ein runderneuertes Domizil. Dazu hat
Claudia Rischatsch ihren Beitrag geleistet und das Haus bestellt. Mit
mächtigem Krawumm donnert Clavadetscher den Zutaten-Klops entschieden
auf die Tischplatte. Da ist sie, die zündende Idee. Mieter müssen her -
und zwar nicht irgendwelche. Die geräumige Station des kleinen Bahnhofs
ist ein idealer Ort für Bahn-Verrückte, die ihrer Leidenschaft frönen
wollen. Schon jetzt zieht es jeden echten Eisenbahn-Fan wenigstens
einmal im Leben auf die Schienen der Rhätischen Bahn, Das Apartement
bietet Platz für bis zu acht Bewohner. Panoramafenster in jedem Zimmer,
jeder Ausblick ein Postkarten-Motiv, und während des Frühstücks zuckelt
der Glacier-Express vorbei. Natürlich. Clavadetscher wischt sich
energisch das Mehl von den Händen. Residieren über einer der
berühmtesten Bahnstrecken! Vermietung nur monats- und jahreweise!
Einzigartig in der Welt - und exklusiv für Mitglieder von
Eisenbahn-Clubs in aller Welt! Eine Welle der Euphorie reisst ihn mit.
Sechs Monate ergebnisloser Gespräche mit der RhB liegen hinter
Clavadetscher, doch jetzt will er es anpacken.
Es
ist August, als er kurz die Vorbereitung des Mittagessens unterbricht,
um die entscheidenden Unterschriften zu leisten. Völlig ruhig ist er
dabei. In seinem Kopf ist eine Barriere gefallen: Die Einfälle purzeln
nur so daher, verdichten sich zum Konzept. Das Büro des Schöntal-Hotels
will er in die Station verlegen und drum herum ein Bistro errichten, in
dem Bündner Spezialitäten wie Rohschinken, luftgetrockneter Alpkäse und
natürlich frische Gipfeli gereicht werden. Tochter Doris
Aebli-Clavadetscher (31) stöbert in Scheunen und Kellern nach alten
Möbeln und Bildern, und komponiert eine Einrichtung, die das Flair der
«guten alten Zeit» verströmt. Auf Borden und Fensterbänken stapeln sich
bald Relikte der Eisenbahnergeschichte. Teils schlummerten die
Fundstücke in Winkeln der Station, teils werden sie von Anhängern der
Clavadetscher-Idee herbeigeschleppt. Der ursprünglichen Schalttafeln
will sich ein Hobby-Eisenbahner annehmen, so dass im Zeitraffer die
Positionen der Züge zu sehen sind, die hier einmal überwacht wurden.
Irene Clavadetscher (24) und Kollegin Claudia Hintermeister (30) lassen
sich von der RhB im Fahrkarten-Verkauf und der Routenplanung schulen.
Als Hotelfachkräfte, Serviererinnen und Reise-Beraterinnen in
Personalunion ersparen sie die Einstellung neuer Kräfte in der
Anfangsphase. Neben normalen Tickets werden sie für ausgewählte
Bahnstrecken nostalgische Billets verkaufen.
Erneut
dominieren
Baustaub und Getöse die Szenerie. Diesmal ist es nicht Claudia
Rischatsch, die darauf achtet, dass der Minimal-Betrieb der Station am
Leben gehalten wird, sondern Clavadetscher. 20'000 Franken (etwa 13'500
Euro) steckt er selbst in das Projekt. Nach seiner Motivation gefragt,
antwortet Clavadetscher später lapidar: «Einer musste es ja machen.»
Der bullige Mann steht vor der Tür seines «Bahnhofs-Buffets» und
schmaucht genüsslich eine Zigarette. Drinnen hat er striktes
Rauchverbot erteilt. Sein Blick folgt dem blauen Qualm, den er in
«sein» Tal pustet - und er ist sich sicher: Die Mieter werden kommen.
Nicht zuletzt deshalb, weil soeben die Werbeprospekte eingetroffen
sind. Eine letzte Prise Nikotin, und er öffnet die Tür, die Claudia
Rischatsch vor fast einem Jahr geschlossen hat: Dort schmaust
Dorfpolizist Max Kolleger Schulter an Schulter mit dem Herrn Pastor.
Historiker Pierre Badrut schnuppert an seiner dampfenden Tasse, während
er Durchreisenden die Geschichte der Albula-Linie erzählt und sie mit
uralten Postkarten illustriert.
(erschienen im
"Westfälischen Anzeiger", 22. April, 2006)
Bossis schneller
Eisweg
von Juliane Gringer
Giorgio Bossi hat auf den Mond
gewartet. In dieser Nacht
ist er endlich ,<obsigend», steigend, hat seinen tiefsten Punkt
überwunden. Satt leuchtend hängt er im schwarzblauen Himmel. Das ist
die beste Zeit für gutes Eis. «Weil das Wasser dann nicht wegläuft,
sondern schön dicht wächst», glaubt Bossi. Er präpariert die
«Skateline», eine Schlittschuhbahn und zugleich der erste Eisweg der
Schweiz. Zehn Mal war er diese Nacht schon draussen. Zehn Mal das
gleiche Ritual: Wasser in den umgebauten Mini-LKW pumpen, den Weg
langsam abfahren. Bossi hat eine selbst entworfene Konstruktion an sein
Eismobil geschraubt. Das Wasser läuft durch ein Rohr so gleichmässig
auf den Weg, dass eine ebene Eisfläche entsteht. Nach kurzem Warten ist
die Schicht steinhart gefroren. Und wieder fahren, das Wasser fliessen
und erstarren lassen.
Die «Skateline» von Surava, im
Sommer ein
Wanderweg, auf dem man nun im Winter Schlittschuhlaufen kann, war
Giorgio Bossis Idee. Er hat damit aus der Not eine Tugend gemacht, Denn
bis vor drei, vier Jahren war das Albulatal in Graubünden nur eine
touristische Durchfahdsstrecke für VVinterspodler auf dem Weg ins
Engadin. Das Albulatal ist stark bewaldet. Zum Skifahren reisen die
Touristen lieber nach St. Moritz, Davos, Lenzerheide. Und im Albulatal
ist es dunkel. Zumindest von Ende November bis Mitte Januar. Die Berge
links und rechts des Tals sind so hoch, dass es die Sonne in dieser
Zeit nicht mehr über die 2'400 Meter hohen Bergrücken schafft. Dann
liegt das Tal im Schatten. Und wo Schatten ist, ist es kalt. Minus 20
Grad zeigt das Thermometer hier oft. Aber Kälte macht Eis. «Wenn es im
März und April noch friert, habe ich mir gedacht, da darf man doch
nicht jedes Jahr jammern, sondern muss was draus machen», erzählt
Giorgio Bossi. Er ist stolz auf sein Projekt. An einem Kiosk am Ende
der «Skateline» kann man Schlittschuhe und Schutzausrüstung ausleihen
und abends noch eine Stirnlampe. «Wir fanden das romantischer als
Flutlicht», grinst Bossi verschmitzt. Wenig romantisch: Fällt man beim
Fahren hin, tut das ordentlich weh und garantiert blaue Flecken. Helm,
Handschuhe, Schlittschuhe, wer mag, zieht noch Knie- und
Ellenbogenschoner über - für den schnellen Spass muss man gerüstet
sein. Ein Kleinbus fährt die dick verpackten Gäste zum Stadpunkt. Drei
Kilometer lang ist dann die abschüssige Fahrt auf der «Skateline». Sie
führt durch ein Waldstück, daneben fliesst die Albula, ein kleiner
Fluss. Auch am Tag glaubt man den Mond noch zu spüren. Das Licht ist
selbst am frühen Nachmittag bläulich gefärbt wie in einer hellen Nacht.
Die Luft ist genauso kühl und klar. Der Fahrtwind pfeift an den Ohren
vorbei. Die Albula rauscht auf der ganzen Strecke leicht und frisch.
Meist hält sie sich irgendwann an den Steinen an der Strecke fest,
friert um sie herum. Auch der Schnee auf den Bäumen hat sich schon um
die Zweige festgeeist.
Es gibt mehrere «schattige
Täler» in
Österreich, der Schweiz und Italien. In einigen versucht man, mit
Parabolspiegeln auf den Bergrücken das Sonnenlicht ins Tal zu spiegeln.
Im Albulatal würde sich das nicht rentieren. Es ist eine Randregion,
mittendrin. «Die Kälte bei uns ist trocken und nicht feucht. Das ist
gesund», meint Giorgio Bossi und erklärt, «Wir können doch den Skiorten
rundherum auch etwas bieten. Was macht man, wenn um vier die Lifte
schliessen und das Après Ski noch lange nicht losgeht? Dann kann man
bei uns Schlittschuh laufen.» Neben dem schnellsten Eisweg der Schweiz
gibt es im Albulatal noch die längste Naturschlittelbahn Europas - in
Bergün, wo 1952 auch « Heidi» gedreht wurde. Die Schlittelbahn wird
nachts mit Flutlicht beleuchtet, ist sechs Kilometer lang und ein
Riesenspass. In Bad Alvaneu kann man in der historischen Therme im
Schwefelwasser Kraft tanken und vom Aussenbecken aus auf das
Bergpanorama des ganzen Tals schauen. Nur ein paar Schritte weiter gibt
es einen Golfplatz. 18 Loch, jeweils neun rechts und neun links der
Albula. Die Bauern, denen das Land gehörte, auf dem heute der Golfplatz
liegt, arbeiten dort als Greenkeeper. Arbeitsplätze sind knapp im
Albulatal. In Surava gibt es kein einziges Lebensmittelgeschäft mehr.
Die Bahnstation der Rätischen Bahn wurde vor drei Jahren geschlossen.
Wenn man jung ist, geht man hier weg. Aber nicht gern. Der Tourismus
bringt Arbeitsplätze. 34 Leute können in der Saison bei der «Skateline»
arbeiten. Viele sind Hausfrauen, die sich so etwas dazu verdienen. Sie
sitzen an der Kasse, geben Tickets und Ausrüstung aus.
Etwa
15
bis 20 Minuten brauchen ungeübte Fahrer für die Fahrt über die
«Skateline». Ein Mal kam die Züricher Eishockeymannschaft ZSC
Lions
zu Besuch. Angriffsspieler Reto Stirnimann war in sechs Minuten und
zehn Sekunden wieder am Kiosk. Der norwegische Skirennläufer Lasse
Kjus, Gewinner von 17 Weltcuprennen, der Weltmeisterschaft 1999 in Vail
und der Kombination bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer,
hat im vergangenen Frühjahr noch einen Tag vor den Weltcupfinals in
Lenzerheide auf der «Skateline» ein paar Runden gedreht. Die Abfahrt
der Herren am nächsten Tag gewann er natürlich.
(erschienen in der
"Mitteldeutschen Zeitung", 24.2. 2006)
Sehnsucht
nach der Heimat des Heimwehs
von Dominik Dirner
In
Bergün im Kanton Graubünden ist das Heidi heute noch lebendig, in
Maienfeld ist die Romanfigur ein bedeutender Tourismusmagnet. Luigi
Comencini dreht 1952 den ersten Schweizer Heidifilm - Heute werden die
Requisiten für Touristen herausgeputzt.
Bergün in Graubünden wirbt mit seiner Rodbahn um Gäste die Spuren Heidis werden eher versteckt. Dabei wurde dort der erste Schweizer Heidifilm gedreht. Doch der Geist des Mädchens ist noch lebendig. Die Vermarktung findet in Maienfeld statt, wo der Roman spielt.
Mathilda Guidon-Schöb schiebt ihr Strickzeug über den Tisch und wickelt ihren Erinnerungsschatz aus einer Tüte. Es ist ein Album mit Fotos, die 1952 beim Dreh des ersten Schweizer Heidifilms aufgenommen wurden. "Ich war dabei", sagt die 82-Jährige. Wie die Falten in ihrer Haut durchziehen Knicke den Einband, ein Riss teilt das auf den Umschlag gedruckte Heidibild. Die Bäuerin schlägt die erste Seite auf. "Das ist oben in Falein." Sie zeigt auf die Aufnahme einer Holzhütte, vor der ein Mädchen mit Korb, ein Junge mit Stock und Rucksack sowie ein bärtiger Mann stehen. "Das Heidi, der Geissenpeter, der Alp-Oehi", stellt Mathilda Guidonürde nicht geschenkt in der Stadt wohnen."
Wo das Original entstand
Rückblende
in den Sommer vor rund 50 Jahren: Bergün, ein Ort mit rund 500
Einwohnern am Fusse des Albulapasses, steht im Scheinwerferlicht.
Regisseur Luigi Comencini verfilmt hier den weltberühmten Roman von
Johanna Spyri, setzt ihre Figur "das Heidi" mit Eisbeth Siegmund in
bewegte Bilder um. Thomas Klameth ist der Peter, Altstar Heinrich
Gretler mimt den Grossvater, den Alp-Oehi. Viele Einheimische wirken
als Statisten mit, auch Mathilda Guidon-Schöb ist dabei.
Zum ersten Mal gibt das Heimatland der Schweizer Autorin damals die Kulisse ab, und dennoch deckt sich der Drehort nicht mit der Romanhandlung: Spyris Geschichte spielt in Maienfeld und nicht in Bergün, dem oberhalb liegenden Dörfchen Latsch oder in der Maiensäss Siedlung Falein. Warum Comencini hierher kam, ist nicht überliefert, vielleicht hatte ihn das Ortsbild mit den Häusern im Engadiner Stil beeindruckt. Er schuf jedenfalls einen Klassiker, der bis heute als authentischste Umsetzung des Themas gilt. Der Film verkauft sich gut, gerade ist er auf DVD erschienen.
Trotz des Erfolgs verbindet Bergün, Kanton Graubünden, kaum jemand mit dem Heidi - die Marke haben andere besetzt: Maienfeld, 70 Kilometer weiter nördlich im Kanton, ist mit dem "Original Heidihaus" das Zentrum des Heidi-Tourismus. Die an Graubünden grenzende Ferienregion nennt sich längst "Heidiland". Das dort im vorigen Jahr uraufgeführte Heidimusical lockte 50'000 Zuschauer an. "16'000 zusätzliche Übernachtungen brachten neun Millionen Franken mehr Umsatz", rechnet Heidiland-Tourismusdirektor Marco Wyss vor - und schenkt allen, die einen trockenen Mund bekommen, Heidiland-Mineralwasser ein. Das Musical wird dieses Jahr wiederholt. Und Bergün? Warum positioniert sich der Drehort nicht als Mekka des Mythos, als Treffpunkt für alle Fans? Eine Spurensuche.
Mit
einem blauen Lappen wischt Carolin Bosshard dem Heidi übers
Gesicht. Das Schwarzweiss-Foto des Mdchens hängt im Heidiraum des
Bergüner Dorfmuseums, eine Werbeaufnahme der Filmfirma. Hier also ist
das Heidi zu Hause: Unverputzte Wände, Holzschnitzel auf dem Boden -
eher das Ambiente eines Stalls denn das eines Kinderzimmers. Die
Glasvitrine mit weiteren Szenen-Fotos hat Carolin Bosshard schon
aufpoliert. Auch das Kinderbettchen, in dem verschiedene Ausgaben der
Heidigeschichte ruhen. Jetzt ist der altertümliche Rollstuhl dran, in
dem Klara 1952 vor den Kameras hin- und hergerollt wurde. Mehr
Requisiten gibt es nicht. "Wenige Touristen wissen, dass der erste
Heidifilm hier entstanden ist", sagt die Bergünerin und fährt lachend
fort: "Wenn Kinder kommen, so wollen die nur eines: den Film gucken,
der hier im Heidiraum gezeigt wird." Plötzlich wird sie ernst: "Anfang
der 90er habe ich nach Winterthur geheiratet. Aber die Berge fehlten
mir. Nach der Geburt meines Sohnes kam der Film irn Fernsehen, und ich
heulte vor lauter Heimweh." Die Familie zog nach Bergün. Von den Bergen
in die Stadt und wieder zurück - wie das Heidi.
Einige
Häuser
weiter führt Reto Barblan ein Telefonat nach dem anderen. Der Bergüner
Tourismuschef, Dreitagebart, pflegeleichter Kurzhaarschnitt, Jeans, hat
zu tun. Er ist kein Geck sondern ein hemdsärmliger Typ. Echter
Bergüner, Schreiner mit Tourismus-Aufbaustudium. Seine Gemeinde tritt
jetzt im Winter als «Schlittelparadies» auf: Die fünf Kilometer lange
Strecke auf der Pass-Strasse von Preda herunter gilt als eine der
längsten in Europa. Sie ist eines seiner Projekte.
Es gibt keinen Heidischlitten
Warum
aber gibt es keinen Heidischlitten, keine Heidiabfahrt? «Wir haben
Heidis Bergweg», sagt Barblan. Vom kleinen Ort Stuls aus führt der
Wanderpfad zu der Filmhütte in Falein. Auf Tafeln und mit Figuren sind
Szenen der Handlung dargestellt. «Und wir haben den Heidiraurn im
Museum eingerichtet. Kann aber gut sein, dass er wieder verschwindet.
Wir wollen uns nicht als Heidiland positionieren.» Warum so
zurückhaltend? Barblan nennt die Gründe: Zum einen haben andere - St.
Moritz etwa - die Namensrechte auf das Heidi und setzen diese rigoros
durch: Vor Jahren hatte Bergün Faltblätter zum Heidifilm drucken
lassen. Abgebildet war etwa die «Original Filrn-Hütte». Verteilt wurden
die Blätter nie, St. Moritz drohte mit einer Klage. Nicht nur diese
Zwänge jedoch halten den Bergüner davon ab, aus seinem Dorf ein zweites
Heidiland zu machen. Er sagt es nicht, aber es widerstrebt ihm merklich
- weil das Heidi den Menschen hier so ähnlich ist. Barblan blickt aus
seinem Büro auf die Berge. «Die Geschichte ist noch bei vielen präsent,
da sich die Leute mit ihrer Heimat verbunden fühlen. Ich bin auch so
ein Typ, der nicht länger als eine Woche weg kann. » Die Freundlichkeit
der Bewohner, die intakte Natur - das seien die Vorzüge des
Alpendorfes. «Alles andere wäre Disney. Die Geschichte spielt in
Maienfeld. Bei uns wurde nur der Film gedreht.
Eben dort ist Heidi überall. Im «Heidihof» am Ende des «Heidiweges» kennt man sogar «Heidis Lieblingsgericht»: Hausmacher Ravioli mit Gemüsewürfel, Tomatensauce, gehackte Baumnüsse und Prättigauer Ziegenkäse. Eine zerfetzte Schweizer Fahne flattert im Wind. Neben der grossen Sonnenterrasse treffen Donald Duck als Hartplastik-KarussellFigur und das Heidi in Form einer Holzskulptur aufeinander. Zwei Giganten der Kinderunterhaltung Auge in Auge. Beide scheinen hier so austauschbar, wie die Zutaten zu Heidis Lieblingsgericht.
Der «Heidierlebnisweg» führt ins «Heididorf», wo das «Original Heidihaus» steht. Im Souvenir-Geschäft gibt es Heidi-Magnete, HeidiTassen, Heidi-Aschenbecher, Heidi-Handtücher ... «Am besten gehen T-Shirts, Tassen und Schlüsselanhänger», sagt Verkäuferin Erika Allemann. «Und natürlich das Video des Original-Films von 1952.»
Zurück am Drehort Bergün, Luft holen. Die Restaurants bieten keine Heidigerichte an, sondern «Bergführer-Schnitzel». Kein Heidi-Kitsch auch in Latsch. Nur wer den Film kennt, findet die Drehorte. «Das Dorfbild hat sich kaum verändert», sagt Mathilda Guidon-Schöb. Das Mütterchen sitzt noch an ihrem Tisch. Mit ihrem milden Lächeln und den grauen Haaren sieht sie aus wie die Grossmutter in Spyris Roman. Sie blättert weiter in ihrem Heidi-Album, haucht jeder Szene mit ihrer Erinnerung Leben ein. Nachdem die letzte Seite umgeblättert ist, legt sie den Band weg.
Das Heidi ist immer noch in Bergün. Nicht als Person freilich. Nicht nur als alte Fotografie oder als aufpolierte Filmrequisite. Das Heidi ist die Liebe zu den Bergen, die jeder Einwohner hier in sich trägt. Hier, in der Heimat des Heimwehs.
(erschienen in der "Südwest Presse Ulm", 11. 3.2006)Aus: Neue Zürcher Zeitung, 6.2.2003
Das Albulatal als winterliche Wundertüte
Beginn einer sportlichen und kulturellen neuen Ära
Das landschaftlich reizvolle Albulatal entpuppt sich immer mehr als eigentliche «Wundertüte»- auch im Winter. Zwischen Surava und Alvaneu Bad das Schweizer Novum: die Skateline; in Filisur das neue Kulturhaus Bellaluna; in Bergün die ohnehin berühmte Schlittelbahn, jetzt auch m it Carving-Schlitten zu befahren. Gaukelte noch um die Weihnachtszeit ein Hauch von Schnee dem Betrachter die Illusion vor, der Winter habe im Albulatal Einzug gehalten, hat sich die Situation inzwischen geändert:
Schnee gibt es in diesen Tagen in rauen Mengen. Und auch die drei Kilometer lange Skateline weist jetzt eine robuste Eisdecke auf. Perfekte Bedingungen also, um mit den Schlittschuhen über den romantischen Waldweg zwischen Alvaneu Bad und Surava zu gleiten. Man flitzt auf dem Eis dahin und versucht die moderaten Auf- und Abstiege so gut wie möglich zu bewältigen. Von der Skateline wechseln wir gleichentags nach Bergün. Von regelrechten Lachsalven seien sie geschüttelt worden, erzählen uns im Dorf ein paar entgegenkommende Schlittler. Sie haben auf der einstigen Bob- und heutigen Schlittelbahn die neuen Carving-Schlitten ausprobiert. Das Gefühl für diese neuartigen Schlitten, die ein bisschen anders gesteuert werden wollen als die gewöhnlichen, mussten sie sich zuerst «erarbeiten», was dann eben zu diesen herzhaften Lachern führte. Gegen Schluss der fünf Kilometer langen Schlittelbahn bekamen sie ihre Carving-Schlitten aber in den Griff und konnten es sich nicht verkneifen, gleich nochmals mit der Rhätischen Bahn die kurvenreiche Steigung bis Preda zu bezwingen, um dann schon ganz professionell in die Kurven zu liegen und nach Bergün hinunterzuschlitteln. Wir heben uns dieses Vergnügen für später auf und nutzen den restlichen Tag dafür, das Bergdörfchen Bergün näher kennen zu lernen.
Römerturm und Ortsmuseum
Auf dem Dorfrundgang spielt die Sonne mit uns. Kaum wollen wir uns von ihren ohnehin nur schwachen Strahlen in der Winterkälte wenigstens ein bisschen wärmen lassen, verschwindet sie schon wieder, um gleich darauf an einer anderen Ecke eines der zahlreichen Engadinerhäuser erneut aufzutauchen. Im Römerturm, der allerdings nichts mit den Römern zu hat, wie Tourismusdirektor Reto Barblan erzählt, lernen wir das Gruseln. Wann der Römerturm mit Sichtkontakt auf den einstigen Galgenhügel und mit seinen unterirdischen Fluchtgängen ursprünglich erbaut wurde, ist offenbar nicht genau verbrieft. Auf jeden Fall war er 1323 bis auf die Grundmauern abgebrannt und wurde später, mit einer Waffenkammer versehen, wieder aufgemauert. Sein oberer Teil mit der Glockenstube ist jedoch erst im 16. Jahrhundert hinzugefügt worden. Nach der Renovation des Turmes Anfang des letzten Jahrhunderts nutzten die Bergüner den Turm zeitweise als zugiges Gefängnis. Im schmucken Ortsmuseum leben die früheren Zeiten auf. Hier wird das Bild noch klarer, wie man im Passdorf vor und während der Zeiten der Postkutsche lebte. Einen ersten kleinen Wohlstand sollte der Bau der Albula-Passstrasse 1864 bis 1866 bringen. Zwei Jahre später sind die ersten Postkutschen über den Pass gefahren. 1900 zählte man in Bergün schon 22 469 Reisende, die oft im Dorf nächtigten. Aber am 30. Juni 1903 war es mit diesem blühenden Wirtschaftszweig vorbei. Postkutschen brauchte es nicht mehr, denn die Eisenbahnschienen waren gelegt. Mit einem grossen Jubiläum werden Bergün und das ganze Albulatal zusammen mit der Rhätischen Bahn im Juni dieses Jahres dieser Pionierzeiten gedenken. Verewigt sind im Museum aber ebenso Heidi und Peter, der Alpöhi, Klara und Fräulein Rottenmeyer mit verschiedenen Reliquien des ersten Heidi-Films, der 1952 und erneut 1954 in Latsch und Falein bekannte Wirtin Paula Roth in ihrem abgelegenen Wirtshaus wegen gut 2000 Franken ermordet wurde, kehrten nebst vielen Einheimischen auch einige prominente Persönlichkeiten hier ein. Heute gehen bekannte Gesichter erneut im nun teilweise umgebauten und renovierten «Bellaluna» ein und aus. Denn die neuen Besitzer nutzen das Haus schon während der Wintermonate für kulturelle Veranstaltungen. Im Juni dann werden auch Restaurant, Gartenterrasse, Weingrotto und Unterkünfte fertig erstellt sein. So beginnt - wie im ganzen Albulatal - auch im «Bellaluna» eine neue kulturelle Ära.
Karin Huber
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